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2010/11/04 / halbnachvoll

Parallelgesellschaften


Die Fußball-WM hat bei uns Deutschen eine große Lücke hinterlassen. Vorbei ist die Zeit wo wir endlich alle zu einem bestimmten Thema unsere  – mehr oder weniger sachliche – Meinung zum Besten geben konnten. Lange Zeit gab es kein großes Thema, welches sich durch alle Medien zog, doch nun haben wir endlich die Integrationsdebatte. Im Zuge ebendieser wird derzeit häufig gerne der Begriff der „Parallelgesellschaften“ in den Mund genommen. Aber was genau ist eigentlich eine solche Parallelgesellschaft?

Freunde gepflegter Science-Fiction haben zumindest schon einmal etwas von einem Paralleluniversum gehört, das ist ein Universum, dass neben unserem in einer anderen, parallel verlaufenden Zeitlinie existiert.

PC-Gruftis mag auch der Standard Parallel Port als urzeitlicher Scanner- und Druckeranschluss noch ein Begriff sein.  Hier wird wenigstens von „Standard“ gesprochen – will heissen, das ist etwas vollkommen Normales.

Aber eine parallele Gesellschaft? Das wäre eine Gesellschaft, die mit einer anderen Gesellschaft auf einer Ebene liegt, diese aber nicht schneidet.

Abgehobene Politiker, die nichts mehr mit der Lebenswirklichkeit ihrer Bevölkerung zu tun haben fallen meiner Meinung nach in diese Definition. Die großen Bankmanager würde ich fast auch dazu zählen, allerdings schneiden sie sich ja in letzter Zeit dauernd mit unserer Gesellschaft – oder sich zumindest einen großen Teil unseres Vermögens ab, darum trifft das hier wohl doch nicht ganz zu.

In vielen Betrieben in Deutschland kann man ebenfalls auf Parallelgesellschaften stoßen: So existieren nebeneinander Festangestellte und Leiharbeiter mit völlig unterschiedlichen Lebensbedingungen. Diese Parallelgesellschaften werden nicht nur gerne totgeschwiegen, sie sind sogar gewünscht und werden im Allgemeinen als „das große Jobwunder“ bezeichnet.

Eine weitere Parallelgesellschaft befindet sich bereits in Planung: In Schulen soll sich bald die Gruppe der „nicht priviligierten Kinder“ mit Hilfe von Gutscheinen oder Chipkarten leichter identifizieren lassen. So können die anderen Kinder sofort sehen, mit wem sie sich nicht anfreunden dürfen, um weiterhin in ihrer coolen Clique angesehen zu sein.

Auch zu einer Parallelgesellschaft – oder vielmehr schon eher zu einem Paralleluniversum – lassen sich die ganzen selbsternannten Wirtschaftsexperten zuordnen, die trotz penetranter Weigerung der Realität, ihren Theorien zu entsprechen, nicht davon ablassen können, die freie Marktwirtschaft in all ihrer theoretischen Herrlichkeit zu lobpreisen.

Man schafft es also, uns einerseits Angst vor manchen Parallelgesellschaften zu machen, andererseits preist man uns andere an oder brummt sie uns ungewollt auf. Man könnte gar auf die Idee kommen, dass man die große Gefahr bestimmter Parallelgesellschaften nur zu dem Zweck erfindet, um von den Mißständen in den anderen abzulenken. Gut, so mancher gibt seine Weisheiten nur dazu ab, um Aufmerksamkeit zu erhaschen – oder ein Buch darüber zu schreiben und von den gutgläubigen Lesern jede Menge Geld zu bekommen. In einem Land, in dem eine große Anzahl der Bürger zum Beispiel Bücher von Thilo Sarrazin kauft, ist bestimmt nicht das Vorhandensein von Parallelgesellschaften das größte Problem.

Der einzige Hoffnungsschimmer ist in der Definition des Begriffes „Parallel“ in der Geometrie zu finden: Im Unendlichen schneiden sich parallele Geraden dann doch wieder – am Ende sind wir dann doch wieder Alle Eins.

Prost!

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