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2010/07/09 / halbnachvoll

„Experten“ blenden gerne die Realität aus


Panikmacher lassen keine Möglichkeit aus, sich und ihre Vorstellungen von unserer Gesellschaft medial zu zelebrieren. Oftmals ist es dabei vollkommen egal, wenn die Aussagen solcher „Experten“ bereits durch die bloße Realität ad absurdum geführt werden.

Als Beispiel möchte ich heute einmal die Angtsmacherei vor der Unfinanzierbarkeit der gesetzlichen Rente ins Auge fassen. Mit Angst ist dem Deutschen ja schon immer gut beizukommen gewesen. Machen wir mal ein bissl Angst vor dem Terrorismus, un der Deutsche lässt sich gerne in allen Lebenslagen überwachen. Angst vor dem Jobverlust führt immer dazu, dass man die Arbeitsbedingungen und Löhne verschlechtern kann. Angst davor, der Nachbar bekommt mehr als man selbst und schwupps – mal eben den vor zwei Jahren gekauften Neuwagen verschrottet und die Abwrackprämie eingesackt.

Wie kann man wohl da das Geschäft unserer werten Freunde im Versicherungsgewerbe ankurbeln? Richtig, Angst vor der Armut im Alter. Gut, diese Angst ist aufgrund von sich ausbreitenden Niedriglöhnen und Nullrunden bei den gesetzlichen Renten nicht gänzlich unbegründet. Allerdings kann man als Politiker diese Argumente nicht nennen – schliesslich ist man ja selbst für diese Verhältnisse verantwortlich. Dumme Sache das. Zum Glück kann man in der Politik ja einfach einmal ein paar Sachverhalte erfinden oder so umdichten, dass sie für die eigenen Zwecke prima als Begründung herhalten können. Wir erzählen also den Bürgern, dass in Zukunft, wenn sie also Rentner sind, kaum noch arbeitende Bevölkerung da sein wird, um ihre Rente zu bezahlen. „Oje oje, was sollen wir nur tun?“, jammert das Volk. Und es gibt ein großes Heulen und Zähneklappern. Als weiser Herrscher hat man zum Glück die passende Lösung parat: Ihr müsst euch privat zusätzlich versichern, dann habt ihr im Alter jede Menge Kohle! „Zumindest ich werde im Alter jede Menge Kohle haben, die mir meine Freunde in der Finanzindustrie – dankbar für die vielen neuen Kunden – zustecken werden“, denkt sich der Herrscher händereibend. Doch das blöde Volk ist immer noch unzufrieden. „Wovon sollen wir das denn bezahlen?“, schreien sie. „Kein Problem“ meint der Herrscher, „ich gebe Jedem einen fürstlichen Zuschuss für seine private Altersvorsorge aus meinem privaten Goldschatz!“ – Das Volk ist begeistert. Alle leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Alle?

Nun ja, die Finanzkrise hat uns gezeigt, dass die relativ hohen Gewinne privater Versicherungsfonds ganz schnell in Verluste mutieren können. Somit werden viele, viele Riester-Sparer am Ende nicht mehr Geld zur Verfügung haben als mit der gesetzlichen Rente. Nicht nur das. Jedem Deppen sollte doch klar sein, dass die gesetzliche Rente im Gegensatz zu privaten Unternehmen keine Gewinne erwirtschaften müssen, die am Ende von den Eigentümern und Managern abgeschöpft werden. Letztere beiden Personengruppen haben am Ende als einzige dank der Riester-Renten (nicht nur) im Alter dann wirklich einen Haufen mehr Kohle zur Verfügung. Gesetzliche Rentenkassen machen auch keine teuren Werbeanzeigen, ein weiterer Kostenpunkt der Privaten.

Was aber den meisten wie auch bei der Abwrackprämie überhaupt nicht in den Schädel, den dicken, geht: Woher kommen denn die Zuschüsse des Staates? Haben wir uns nicht erst gestern darüber aufgeregt, dass wir mal wieder Steuern zahlen mussten? Ratet doch mal wofür die unter anderem ausgegeben werden: Für eure Zuschüsse zu den Riester-Renten (und auch für das Verschrotten neuwertiger Fahrzeuge, damit man sich ein tolles neues Auto kaufen kann). Dumm gelaufen, was?

Auf diese Aspekte wird hin und wieder auf verschiedenen kritischen Seiten wie zum Beispiel den Nachdenkseiten hingewiesen. Zu kurz kommt mir dabei oft der folgende Aspekt: Momentan haben wir Millionen Arbeitslose oder Aufstocker, die keine existenzsichernde Arbeit finden. Selbst wenn wir in einigen Jahren in Rente gehen, was ist dann so schlimm daran, dass wir dann eventuell weniger arbeitsfähige Menschen im Land haben, wenn doch sowieso nicht genug Arbeitsplätze für noch mehr Menschen vorhanden wären? Theoretisch hätten wir dann doch weniger Sozialausgaben zu bewältigen, da weniger Menschen um Arbeit konkurrieren müssen.

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  1. quarklog / Jul 9 2010 16:59

    In dieser Präsentation wird sehr anschaulich gezeigt wie unsinnig die kapitalgedeckte private Rente ist. http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/071128_mackenroth.pdf
    Und zu Alterssicherung und Demographie gibt es hier noch einige Links http://www.nachdenkseiten.de/?p=2798

  2. kritik / Jul 10 2010 22:36

    Momentan haben wir Millionen Arbeitslose oder Aufstocker, die keine existenzsichernde Arbeit finden.

    Genau das ist doch das Problem (wie es dazu kommt, siehe hier [ist zugegebenermaßen etwas verkürzt]). Ich habe es hier beschrieben:

    Wer keinen Lohn verdient, dem kann man selbstverständlich auch keinen Teil davon enteignen, um den der Sozialversicherung zuzuführen. Hier finden sich die gröbsten Einnahmenausfälle der SV (ist österr. Bezeichnung für Rentenversicherung und Co.). Gleichzeitig stagnieren seit Jahren die Löhne, in manchen Branchen sinken sie auch. Vor allem auch im vielgerühmten Deutschland verarmt die Masse: 2010 beginnt die tolle Mittelschicht schon bei 860 € netto / Monat (trotz Senkung der Lohnsteuer). Und wenn Löhne sinken, kann man natürlich immer weniger für die SV enteignen. Na klar.

  3. nachrichten / Jul 15 2010 17:36

    Wirklch sehr informativ! Werde aufjedenfall wieder kommen. Danke fuer den Beitrag.

    Gruss
    Andres

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